Bericht aus Osch von Yvonne und Marcel Frei

Alle wie gewohnt und trotzdem spektakulär, chaotisch und wieder einmal unvergesslich. Der Bericht wurde von Yvonne und Marcel Frei während ihrem Aufenthalt im September 2017 in Osch erfasst.

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Wir stehen am Strassenrand und warten bereits 20 Minuten auf unseren Kollegen Nursultan. Niemand erscheint und nach mehreren Telefonaten ist klar, er hat noch geschlafen und war sich nicht bewusst, dass wir heute bereits um 8 Uhr Patienten eingeschrieben haben. Es ist unser letzter Tag hier in Osch und es gibt viel zu tun! Ich atme die frische Morgenluft ein und lasse die zwei Wochen vor meinen inneren Auge Revue passieren: Bilderfetzen von Osch fliegen an uns vorbei, als wir vom Flughafen zu unserem Hotel fahren. Uns fallen all die oberirdischen riesigen Rohre, die wie Blutadern durch die ganze Stadt verlaufen, gar nicht mehr auf. Die verfallenen russischen Gebäudeblocks, die kleinen Shops, das übliche Chaos auf den Strassen und die mongolischen Gesichtszüge der Menschen können unsere Sinne kaum mehr reizen. Es ist für uns Alltag geworden. Wir fühlen uns wie gewohnt daheim und freuen uns auf unsere Freunde.

Doktor Axel Zimmermann, ein Schweizer Kiefer-Gesichts-Chirurge, begleitet uns auf dieser Reise. Seine Augen saugen die ersten Eindrücke auf wie ein Schwamm das Wasser. Die erste Woche verlief für uns unerwartet chaotisch. Nursultan wurde als Übersetzter im Operationssaal gebraucht, Danijar der erfahrenste Zahnarzt fiel wegen einer Gesichtsverletzung aus und so blieb nur noch Assamat der junge, unerfahrene und knapp englischsprechende Zahnarzt aus diesem Dreierteam übrig. Trotzdem war es für all die Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten eine extrem erfolgreiche und spannende Mission. Als Team untersuchten wir am ersten Tag alle Cleft-Patienten. Dann wurden pro Tag drei Operationen für Knochenspahnung mit Axel Zimmermann eingeschrieben. Auch wir wollten die erste gemeinsame Operation der schweizerisch-kirgisischen Kooperation in Osch nicht verpassen. Also trafen wir uns alle am nächsten Tag im Operationssaal. Axel war etwas nervös. Er wusste nicht genau was wirklich auf ihn zukam.  Würde er ihre Erwartungen vollumfänglich erfüllen können? Genau gleich wie bei Marcel werden manchmal Ergebnisse erwartet, die unter den lokalen Umständen gar nicht zu erfüllen sind! Souverän und absolut professionell verlief dann aber die erste Knochenspahnung. Axel war der Operateur, Osch 1 assistierte ihm und Nursultan als Übersetzer und zweiter Assistent anderen Seite. Mit jeder Operation schmolz dieses Team mehr und mehr zusammen. Es verlief alles nach Plan! Osch 1 erkannte kleine Details in seiner bisherigen Technik, die zu gewissen Misserfolgen geführt hatten und war erstaunt wie schnell die Patienten mit Axels Methode der traumatischen Entnahme des Beckenkammknochens wieder auf den Beinen waren. So wird das ab jetzt in Osch wohl immer gemacht werden.

Eine Erfolgsgeschichte, wie sie im Bilderbuch steht. In der Klinik für Kieferorthopädie lief es während der Operationstage nur schleppend. Der Ablauf sonst schon geübter Handgriffe schleppte sich diesmal dahin wie ein zäher Brei. Einige Patienten wurden von Marcel selber behandelt, da Assamat, als einziger Zahnarzt mit dieser Situation völlig überfordert war. Es wurde uns bewusst, dass er bisher nur ganz klar aufgetragene und instruierte einzelne Arbeitsschritte ausführen konnte. Mit- oder gar Vorausdenken konnten wir von ihm nicht erwarten, oder gar eigene Planungen machen oder andere Ideen einbringen oder diskutieren war mit ihm nicht möglich. Und wenn ich nicht jede Sekunde ganz genau hinschaute schlichen sich zu viele kleine Fehler in die Arbeitsabläufe ein. Nach der ersten Woche, kurz vor Axel Zimmermanns Abreise, sitzen wir alle zusammen und geniessen wie immer die unbeschreibliche Gastfreundschaft bei einem ganz traditionellen Nachtessen. Professor Osch 1 hat uns wie bei jedem Besuch in sein Zuhause eingeladen. Der Tisch biegt sich bereits bei unserer Ankunft unter der Last von Salaten, Süssigkeiten, Broten, Früchten und vielem mehr, während ein Gang nach dem anderen von den Frauen aufgetragen wird.

Wer schon einmal hier gewesen ist, weiss genau von was ich spreche! Wir stossen mit Bischkek-Cognac auf diese erfolgreiche chirurgische Woche an.Danksprüche und Reden werden über den Tisch geschleudert. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Axel im Namen der Stiftung, der lokalen Chirurgen und natürlich vor allem im Namen der Spaltkinder, die für Jahrzehnte davon profitieren werden! Die zweite Woche verlief dann ganz in gewohntem Rahmen. Danjyar, Nursultan und Asamat waren nun top motiviert an der Arbeit. Dina, unsere neue Gehilfin, erkannte ihre Chance von uns zu lernen und zu profitieren und überraschte uns täglich aufs Neue mit ihrem Einsatz und Interesse. Schlussendlich blieb sogar noch etwas Zeit für Kieferorthopädische Planungen. Eine Arbeit die unsere Kirgisen noch gar nicht verstehen. Warum so viel Büroarbeit, wenn man doch einfach mal darauf los Brackets kleben könnte?! Man würde dann ja schon merken, wenn etwas nicht klappt. Marcel kämpft seit Anfang mit den spontanen Aktionen unserer draufgängerischen Jung-Kieferorthopäden. Ganz nach dem Motto: Probieren geht über Studieren!

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